Der Ukraine steht ein brutaler Winter bevor. Europa unterstützt das Land bereits in erheblichem Umfang. Doch wir müssen rasch mehr tun. Denn gelingt es Russland, die Ukraine zu destabilisieren, gerät auch unsere Sicherheit in Gefahr. Europa hat ein ureigenes Interesse daran, dass die Ukraine den erwarteten russischen Angriffen in diesem Winter standhält. Dafür braucht Kiew so viele Patriot-Abfangraketen wie möglich (https://www.welt.de/themen/patriot-flugabwehrraketen/). Nur wenn die Ukraine sich weiterhin erfolgreich verteidigen kann, kann sie auch Europa schützen.
Wie der Krieg inzwischen den ukrainischen Alltag bestimmt, erlebten die Teilnehmer unserer YES-Jahreskonferenz vom 10. und 11. September auf ihrer Rückreise nach Polen. Unweit der Grenze trafen russische Drohnen einen Zug und eine nahe gelegene Tankstelle.
Solche Angriffe gehören längst zum Alltag. Russland setzt zunehmend Drohnen mit Strahlantrieb ein, zerstört damit Städte und tötet Menschen. Getroffen werden Kraftwerke, Rechenzentren und Telekommunikationsanlagen (https://www.welt.de/politik/ausland/plus6ac88a66c9122e6e3c97b7b6/ukraine-er-will-dass-der-krieg-endlos-weitergeht-putins-taktik-derverbrannten-erde.html) ebenso wie Einrichtungen der Lebensmittelversorgung, Wohnhäuser, Tankstellen und Brücken. Jeden Tag werden Zivilisten ermordet. Der Luftalarm verstummt kaum noch. Moskaus Ziel ist es, das Leben in Kiew und anderen ukrainischen Städten in diesem Winter unerträglich zu machen
Während die Ukraine mit gezielten Angriffen auf russische Raffinerien und Logistikzentren (https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/politik_ausland_nt/article6a50276643b7fd51850045b1/drohnen-setzten-russischeoeldepots-und-raffinerie-in-brand.html) Moskaus Kriegsmaschinerie schwächt, versucht der Kreml, die zivile Infrastruktur der Ukraine zu zerstören. Während ukrainische Soldaten Gebiete zurückerobern, nimmt Russland gezielt die Zivilbevölkerung ins Visier. Brutalität und Kriegsverbrechen prägen diesen Krieg seit Beginn. Nun, da der Druck auf Moskau steigt, verschärft es dieses Vorgehen noch. Seine Strategie: Terror gegen die Zivilbevölkerung.
Ukrainische Ingenieure arbeiten an wirksamen Abwehrmaßnahmen gegen die Drohnen mit Strahlantrieb und melden Fortschritte. Gemeinsam mit europäischen Partnern müssen diese Technologien weiterentwickelt und in einer Größenordnung produziert werden, die mit der russischen Massenfertigung mithalten kann.
Bei ballistischen Raketen ist die Lage schwieriger. Sie lassen sich derzeit vor allem mit Patriot-Systemen abfangen. Die ukrainischen Bestände an Abfangraketen sind nahezu erschöpft. Die USA konzentrieren sich darauf, ihre eigenen Vorräte aufzufüllen. Und auch Europas Reserven sind stark geschrumpft. Gleichzeitig steigert Russland die Produktion ballistischer Raketen. Den Großteil will Moskau offenbar einsetzen, sobald die Temperaturen sinken.
Werden Kiews Strom- und Heizkraftwerke bei Minusgraden zerstört, drohen nicht nur Menschen zu erfrieren. Auch Wasserleitungen würden vereisen und bersten – Schäden, die sich nicht schnell beheben lassen. Schon im vergangenen Winter hat Moskau versucht, ein solches Szenario herbeizuführen.
Damals entging Kiew nur knapp einer Katastrophe. In diesem Winter wird die Lage noch prekärer. Die Ukrainer allerdings sind vorbereitet und entschlossen, durchzuhalten. Entscheidend ist, dass die Hauptstadt funktionsfähig bleibt. Das ist keine symbolische Frage, sondern eine von Leben und Tod für Millionen Menschen. Weil die Sicherheit der Ukraine inzwischen zum Fundament der europäischen Sicherheit geworden ist, ist Kiew auch die Hauptstadt der europäischen Sicherheit.
Dafür braucht die Ukraine in diesem Winter Patriot-Abfangraketen. Europa verfügt noch über Bestände. Der Einwand, den viele Europäer machen werden, liegt nahe: Wir brauchen unsere knappen Vorräte selbst. Das stimmt. Aber Europas Patriot-Raketen schützen uns nicht, indem sie in heimischen Depots lagern. Sie werden in Kiew gebraucht, um damit Europas Verteidigung abzusichern. Dasselbe gilt für andere europäische Waffensysteme, mit denen sich ballistische Raketen abwehren lassen.
Europa hat seine Unterstützung bislang immer dann verstärkt, wenn Russland seine Angriffe intensivierte. Die Herausforderung, vor der wir aktuell stehen, ist lebensbedrohlich. Sich ihr zu stellen, liegt in unserem ureigenen Interesse. Denn die Zukunft eines geeinten und freien Europas entscheidet sich in Kiew und der Ukraine.
Wolfgang Ischinger leitet seit 2008 die Münchner Sicherheitskonferenz und war deutscher Botschafter in den USA und Großbritannien. Diesen Beitrag hat er im Namen des Vorstands der Yalta European Strategy (YES) verfasst, in dessen Board er Mitglied ist. Der WELT-Gastbeitrag ist die Bühne für die kontroversen Debatten unserer Gegenwart. Die Stimmen, denen wir hier Raum geben, bilden nicht immer die Meinung der Redaktion ab. Wir halten sie aber für relevant und interessant genug, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Nur wer verschiedene Perspektiven kennt, kann sich ein vollständiges Bild unserer Gegenwart und ihrer politischen und gesellschaftlichen Konflikte machen.
Von Wolfgang Ischinger
Die Welt

